Gefühle benennen am Arbeitsplatz! Ja, unbedingt!

Wir müssen reden. Über Gefühle. Im Büro.
Na? Wird dein Atem schon flacher? Sind das etwa Schweißperlen auf deiner Stirn?
Das wären zumindest keine überraschenden Reaktionen bei diesem Thema. Denn: Gefühle gelten gemeinhin als zu persönlich, nicht professionell, unpassend. Kurz: Darüber spricht man im beruflichen Kontext einfach nicht. Ich möchte ergänzen: leider.

Gefühle sind ein wichtiger Teil von uns – auf individueller Ebene, aber auch im Zusammensein mit anderen. Gefühle sind Wasserstandsanzeiger, die signalisieren, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Je mehr Gefühl, desto mehr/weniger Befriedigung.

Unangenehme Gefühle sind nicht schön. Und genau deshalb sind sie so wichtig: Sie sind wichtige Impulse für Veränderungen:

  • Ich habe Hunger – Ich esse.
  • Ich habe Angst – Ich suche Schutz.
  • Ich bin wütend auf einen Kollegen – Ich versuche, die Situation in einem Gespräch zu klären.


So viel zur Theorie. In der Praxis – Hand aufs Herz – bevorzugen wir positive Gefühle. Nur leider lassen sich Gefühle nicht selektiv abschalten. Wenn wir versuchen, unerwünschte Gefühle zu unterdrücken, betäuben wir gleichzeitig auch Freude, Dankbarkeit oder Glück.

Auf persönlicher Ebene kann das zu psychischen Belastungen wie Stress, Angstzuständen oder Depressionen führen. Wir fühlen uns einsam, isoliert und frustriert, wenn wir unsere Gefühle für uns behalten.

In Unternehmen oder Teams kann die Leugnung von Emotionalität zu einer Kultur der Unterdrückung und des Misstrauens führen. Denn zwischen vertrauensvoller Offenheit und professioneller Maskerade steht die Sorge um das eigene Ansehen: „Was sollen die anderen bloß denken?“ Scham, Empörung oder Angst können entstehen, wenn die psychologische Sicherheit im Unternehmen als nicht ausreichend wahrgenommen wird — und das kann zu weiteren Gefühlen und Unsicherheiten führen. Die Folge: Innovation, Kreativität und Teamarbeit werden gehemmt. Dies kann sich negativ auf die Produktivität auswirken.

Die Gründe, weshalb wir uns nicht mitteilen, sind vielschichtig. Von „Jungs weinen nicht“ bis „Gefühle sind nur ein Zeichen mangelnder Selbstbeherrschung“: solche Glaubenssätze, meist anerzogen und verinnerlicht, begleiten uns oft ein Leben lang und verbieten uns eine echte Auseinandersetzung mit unseren Emotionen.

Im Business-Kontext dürften aber auch strukturelle Gründe eine Rolle spielen. Wenn es keinen definierten Raum gibt, keinen institutionalisierten Rahmen: Wo sollen die Gefühle dann hin? Möglichkeiten schaffen und Formate etablieren: Das sind wesentliche Aufgaben — für Führungskräfte, aber auch für uns selbst.

Denn wir müssen das trainieren: Gefühle wahrnehmen, sie benennen und reflektieren. Das kostet Zeit, die wir uns bewusst nehmen müssen. Immer und immer wieder.

Drei goldene Regeln

  • Gefühle ernst nehmen – nicht bewerten.
    Gefühle sind keine Störung der Professionalität, sondern Hinweise auf erfüllte oder verletzte Bedürfnisse. Wer sie ignoriert, verliert wichtige Orientierungsdaten.

  • Was keinen Raum hat, wirkt trotzdem.
    Werden Gefühle nicht benannt, verschwinden sie nicht – sie wirken im Verborgenen weiter und untergraben Vertrauen, Zusammenarbeit und Innovation. Räume und Formate sind keine Kür, sondern Voraussetzung.

  • Emotionskompetenz ist Trainingssache.
    Gefühle wahrnehmen, benennen und reflektieren braucht Übung und Zeit. Verantwortung dafür liegt bei Führungskräften und bei jedem Einzelnen.
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Fazit:
Die Einsicht, dass auch negative Gefühle eine wichtige Funktion erfüllen, erleichtert den Umgang mit Emotionen im Arbeitskontext. Niemand muss sich mehr daran abarbeiten, vermeintlich negative Gefühle zu bekämpfen oder die Gedanken anderer ergründen zu wollen. Das ist ohnehin nicht besonders sinnvoll: Gefühle zu unterdrücken strengt an und verursacht Stress. Wenn wir hingegen offen und vertrauensvoll mit ihnen umgehen, können wir ein tieferes gegenseitiges Verständnis für unsere Beweggründe und Bedürfnisse entwickeln — und das kann sogar Stress reduzieren und mittelbar die Performance steigern.

ubinden. So schaffen wir nicht nur Bewusstsein, sondern eine bewohnbare Zukunft für alle.